Auf Wiedersehen liebe Authentizität! …und aufgesetzt wird die Business-Maske

Schon am Abend zuvor wird das Hemd/die Bluse fein säuberlich gebügelt und das Unternehmensprofil genauestens studiert, denn man möchte am nächsten Tag einen perfekten Eindruck hinterlassen. In Bewerbungsgesprächen für gehobene Positionen bei Großunternehmen will man sich natürlich von seiner besten Seite zeigen. Am folgenden Tag sollte dann nicht nur das äußere Erscheinungsbild stimmen, sondern auch der Lebenslauf glänzen. Im Internet findet man unzählige Anleitungen zur Optimierung des Lebenslaufs, oder zur Vorbereitung auf das bevorstehende Bewerbungsgespräch. Kurz: Wie verkaufe ich mich am Besten? Oder doch: Wie verleugne ich mich selbst am Besten?

In jungen Jahren verbringen wir viel Zeit damit zu reifen und unsere Persönlichkeit zu formen. Es wird viel ausprobiert und man weiß nicht genau wohin man gehört. Man fühlt sich mal zur einen, mal zu einer anderen Gruppe zugehörig. Mit der Zeit jedoch, müssen wir uns nicht mehr verbiegen, sondern finden unsere wahren Interessen und Einstellungen. Im besten Falle, können wir nun endlich authentisch sein. An diesem Punkt angelangt, sollen wir nun wieder einen Schritt zurück machen. Denn im Arbeitsleben gilt es der standardisierten, seriösen Business-Etikette folge zu leisten und uns entsprechend anzupassen. Unsere hart erkämpfte Authentizität und Individualität legen wir an der Eingangsschwelle zum Dienstgebäude ab, ganz so, wie es von einer gut funktionierenden „Human“-Ressource erwartet wird.

Erich Fromm stellte diesen Seelen-Verkauf in seiner Interpretation von Marx’ Frühschriften, schon 1982 wie folgt dar:

„Wenn irgendwer, dann ist der Angestellte, der Vertreter, der Manager heutzutage sogar noch entfremdeter als der Facharbeiter. Das Wirken des letzteren ist noch abhängig vom Ausdruck gewisser persönlicher Eigenschaften wie Geschicklichkeit, Zuverlässigkeit usw. und er ist nicht gezwungen, seine ‚Persönlichkeit’, sein Lächeln, seine Meinungen im Vertrag mit zu verkaufen; die Leute, die Symbole manipulieren, werden hingegen nicht nur wegen ihrer Geschicklichkeit gemietet, sondern wegen all dieser persönlichen Eigenschaften, die sie zu ‚attraktiven Persönlichkeitstypen’ machen, die leicht zu behandeln und zu manipulieren sind.“ FROMM, Das Menschenbild bei Marx; S. 59

Schon in der Schule und im späteren Studium wird alles daran gesetzt uns zu „attraktiven Persönlichkeitstypen“ zu formen. Passen wir unsere Meinungen und Schlussfolgerungen nicht an die bereits festgesetzten Anschauungen unserer Lehrer oder Professoren an, haben wir schlechte Karten eine gute Note zu bekommen, oder gar das Fach zu bestehen. Später werden keine Noten mehr vergeben, aber wir fürchten uns, unsere Meinung – sofern wir noch eine haben – preiszugeben. Wir wissen, dass das Nachplappern der Ansichten unserer Lehrer oder Vorgesetzen uns einen Stufe weiter bringt. Sei es auch nur die nächste Stufe zum Olymp der Heuchelei.

Um ja nicht aus der Reihe zu tanzen, bleibt die eigene Meinungsbildung Mangelware. Wir müssen uns anpassen um in eine bestimmte Schublade zu passen. Dabei es ist nur menschlich, dass wir Personen in Kategorien einteilen. Es  hilft uns eine sehr komplexe, unberechenbare Welt, vereinfacht wahrzunehmen. Leider geht bei dieser radikalen Einordnung ein sehr großer Anteil an Information über das stereotypisierte Individuum verloren. Information, die in unserem festgefahrenem Denken keinen Platz hat.

Wenn wir uns heutzutage auf eine Stelle bewerben fängt der Informationsverlust bereits beim Eintragen unserer Daten in den Online-Bewerbertool des Unternehmens an. Man soll vorgefertigte Felder ausfüllen, die für den Ausdruck der eigenen Individualität kaum Raum lassen. Trotz äußerst geringer verfügbarer Information über das Individuum, wird hier bereits eine Vorauswahl getroffen. Weiter geht es schließlich mit standardisierten Testverfahren und dem Bewerbungsgespräch, das ebenfalls auf den immer wieder gleichen Fragen basiert und vom befragten die immer wieder gleichen Antworten fordert. Hierbei ist es kaum möglich einen Gesamteindruck von der Person zu bekommen. Ein Individuum in seiner Ganzheit zu erfassen, würde erstens zu viel Zeit in Anspruch nehmen und zweitens wird nur nach einem bestimmten Persönlichkeitstyp gesucht. Nämlich dem funktionierenden Ja-Sager Angestellten, im gebügelten weißen Hemd, aber einer Gesichtsfarbe, die seinem grauen Anzug in nichts nachsteht.

Auf diese Weise produziert unsere Gesellschaft den charakterlosen, einförmigen Angestellten der einfach in die Unternehmenshierarchie einzugliedern ist und unter dem Druck seinen Job zu verlieren zu Allem „Ja“ und „Amen“ sagt. Doch leider liebe Unternehmen, waren es nie die Mitschwimmer, die Großes vollbracht haben. Vielleicht sollte man daher nicht nur in den Schubladen der Kommode nach einfältigen Mogelpackungen suchen, sondern auch mal ein Auge auf den werfen, der sich traut im knallroten Anzug neben derselben Kommode zu tanzen.

Es ist bedauernswert, dass immer mehr standardisiert wird. Die Standardisierung soll uns Sicherheit geben. Doch gibt sie uns diese wirklich? Bezüglich Produkten kann man diese Frage bejahen. Auf ein standardisiertes Produkt können wir uns in sofern verlassen, als dass es genau die gleiche Beschaffenheit wie alle anderen Produkte der selben Art besitzt. Was für Produkte gilt kann aber auf menschliche Wesen nicht zutreffen. Wenn wir nicht mehr authentisch sein dürfen, heißt das, dass wir keine Originale mehr sein dürfen. Daraus folgt, dass wir zu einer Fälschung oder Imitation werden.

Anfangs tragen wir die Maske vielleicht nur, doch später sitzt sie so fest, dass wir sie kaum noch abnehmen. Eine Maske mag zu Karneval ihren Sinn haben, aber unser ganzes Leben als Imitat zu verbringen sollte nicht unser Ziel sein, denn Fälschungen waren noch nie „à-la-mode“.