Die traurige Kapitulation des Esels – wie in der Konsumgesellschaft kognitive Dissonanz hervorgerufen und Depression zur Mode wird

von annkatrindominikowski

Die heutige, allzu präsente Elektro- und Ravekultur zeichnet ein eigenartiges Bild unserer Gesellschaft. Sie macht sich das Modell des „zum-Wochenende-hin-Arbeitens“ zunutze. Unter der Woche wird einem langweiligen, unbefriedigenden Job nachgegangen, um dann das Wochenende in fabrikhallen-ähnlichen Diskotheken zu verbringen, ohne auch nur einen Sonnenstrahl bis zum Montagmorgen zu Gesicht bekommen zu haben. Diese letzten Tage der Woche werden außerdem mit der Einnahme von diversen Drogen unterlegt, denn in den stockdunklen Discos möchte man ja Alles, bitte nur nicht schlafen.  Nach einem durchzechten Wochenende heißt es dann Montags wieder zurück zur Realität. Eine Realität in der die depressive Verstimmung an der Tagesordnung steht und es noch schwerer macht die nächsten fünf Arbeitstage zu bewältigen, nur um sich am Wochenende wieder in eine Feier-Fabrik zu begeben.

Somit verbringt man nicht nur die Arbeitswoche eingeschlossen in einem Büro oder einem Werk, sondern wählt auch bewusst und nostalgisch der Zeit der Industrialisierung hinterhertrauernd, Fabrikgebäude zur Wochenendgestaltung. Dabei gilt, je mehr Beton, Stahl und Dunkelheit, desto besser. In dieser Welt sind Depression und die sie begleitenden Gefühle zur Mode geworden. Denn es gilt ebenfalls, je depressiver, desto cooler. Eine besonders gute Darstellung der von Depression begleiteten Elektro-Kultur, kann man an der Fotostrecke „Depressed DJs“ (Link: http://depresseddjs.tumblr.com/) sehen. Nur ein einziges kleines Lächeln auf den Abbildungen würde den DJ sofort aus der Fotostrecke heraus katapultieren.

An dieser Stelle könnte man sich Fragen, was diese Bewegung zu bedeuten hat. Ist sie ein Hilfeschrei und soll die Gesellschaft aufrütteln, oder ist sie bloße Kapitulation vor der Gesellschaft und ihrem System?

Als wirklich gesellschafskritisch kann man das Ganze leider nicht bezeichnen, wird sich doch am Wochenende, an dem man Zeit zum Nachdenken hätte, schlichtweg betäubt. Bloße Kapitulation kann es hingegen auch nicht sein, da die Feierei halbwegs mit Spaß verbunden sein sollte. Vielmehr geht es um den Abbau kognitiver Dissonanzen. Dissonanzen, die in unserer heutigen Gesellschaft, immer schwerer zu überwinden sind.

Während unserer Arbeit, aber auch während unserer Freizeit können zahlreiche kognitive Dissonanzen auftreten, die es gilt ins Gleichgewicht zu bringen. Die Unvereinbarkeit unserer Einstellungen und Verhaltensweisen erzeugt einen Zustand innerer Spannung, der als äußerst unangenehm empfunden wird.

Konsumgesellschaft und Globalisierung tragen in einem Wechselspiel dazu bei diese Spannungen aufrecht zu erhalten. Beispielsweise sind Zusammenhänge bei unseren Kaufentscheidungen so komplex, dass man sich nicht wirklich sicher sein kann, ob man mit dem Kauf eines Produktes, eine nachhaltige, mit den eigenen Einstellungen übereinstimmende, Entscheidung getroffen hat. Zusätzlich, werden wir von einer dissonanzen-erzeugenden Werbung manipuliert. Wir sollen so viel wie möglich Essen, die Lebensmittelindustrie will schließlich ein Wachstum am Ende des Jahres vorweisen. Andererseits, sagt uns die Modeindustrie, dass wir in Kleidergröße 0 passen müssen. Fressen aber trotzdem abnehmen und schlank sein? Wenn das keinen inneren Widerspruch hervorruft. Da bleibt nur noch das Diätprodukt. Andererseits sollen wir auf Nachhaltigkeit bedacht sein, aber am Besten zweimal im Jahr unseren Kleiderschrank wechseln und die alten Sachen entsorgen. Denn die Mode ändert sich mittlerweile jede Saison und damit mindestens zweimal im Jahr. Und das war’s dann eben auch schon mit der Nachhaltigkeit. Ebenso sollen wir Benzin sparen, aber einen X7 im Stadtverkehr fahren, obwohl die Erdölvorräte an ihren Grenzen sind und in chinesischen Großstätten das Tragen einer Atemmaske bereits „à-la-mode“ ist.

Wir werden dazu angestachelt zu verschwenden und wegzuwerfen. Viele Produkte sind genau dafür konzipiert. Billige Herstellung und schlechte Qualität zum Wegwerf-Tarif. Das Ikea-Regal oder der Zehn-Euro-Toaster sind preiswert genug um gekauft zu werden. Ist das Produkt allerdings nach kurzer Zeit kaputt, lohnt sich die Reparatur selten. Lieber wird zu einem neuen Produkt gegriffen. Selbst wenn der Fall bestünde, das das alte Produkt noch einwandfrei wäre, würde uns suggeriert werden, dass unser Lebensglück vom Kauf des neuen Produkts abhängt. Damit wird natürlich eine Unmenge von Müll produziert. Zumindest ist das Unternehmenswachstum mit diesem Modell gesichert, ebenso wie die Arbeitskraft. Um uns diesen ständigen Konsum finanzieren zu können, müssen wir schließlich Arbeiten. Damit schließt sich der Kreislauf und wir stehen als typischer Esel, einer angebundenen Karotte hinterherlaufend, da. Noch dazu badet sich dieser Esel in seinen Dissonanzen, die zwischen seinem verschwenderischen Verhalten und seinen Einstellungen zur Nachhaltigkeit bestehen sollten, denn die Wahl zur Nachhaltigkeit scheint leider noch unerreichbar.

esel

Somit fühlt man sich als Spielball der Unternehmen und das ohne Aussicht auf Besserung. Wer kann es da der jüngeren Generation schon vernehmen, wenn sie sich am Wochenende bei donnernder Musik in einem, einer Fabrikhalle ähnelnden, dunklen Gebäude versteckt? Viele Mittzwanziger, die noch eine Lebenserwartung von mindestens fünfzig weiteren Jahren haben, wissen sich anscheinend nicht anders zu helfen. Denn was in den nächsten fünfzig Jahren auf uns zukommt, will man am liebsten vergessen, weil es genauso schwer zu akzeptieren wie abzuwenden ist. Welche großen Chancen hat diese Generation schon ohne einen baldigen Wandel? Sie hat die Möglichkeit zu versuchen – auch dies ist auf keinen Fall sicher und nur für einen kleinen Teil der Fall – mit einer guten Ausbildung einen Job zu bekommen. Dann mit einen guten Job kommt man dem Unternehmenswachstum am besten zu gute, wenn man nicht nur als treue, aufstrebende Arbeitskraft zur Stelle ist, sondern auch bereit ist, das schwer verdiente Geld in Form von Konsumgütern wieder auszugeben, deren Produktion, Kauf und Entsorgung die  Vernichtung unseres Planeten sichert, auf dem wir aber noch die nächsten fünfzig Jahre leben müssen. Somit verbringt die Jugend zuletzt auch das Wochenende am liebsten in heruntergekommenen, dreckigen Fabrikhallen. Vielleicht ist dies keine Nostalgie, sondern man will sich aus Hilflosigkeit schon einmal an das uns Bevorstehende gewöhnen. Man könnte somit letztendlich doch von Kapitulation sprechen.

Wo findet man seinen Platz in dieser Welt, wenn man sich nicht manipulieren lassen will? Nicht dieser Konsumgesellschaft nacheifern will? Und nicht dieses mutierte System unterstützen will? Wie will man einen Sinn in dieser Gesellschaft finden, wenn doch am Ende alles nur dazu beiträgt diesen Kreislauf zu schließen, der aber allzu lange so nicht mehr tragbar sein kann? Wer kann einem da schon die Kapitulation und ein depressives Gesicht als neues Modeaccessoir übel nehmen…

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